Wir wollen in den Westen. Um bei den vorherrschenden Winden in den Westen zu kommen, müssen wir zuerst in den Norden.
Die nächste Station nach Leros ist die Insel Patmos und da eine kleine Bucht im Norden. Für die kurze Strecke Leros-Patmos von 12 Seemeilen brauchen wir 4 Stunden. 5 kn Wind (also praktisch Flaute) reichen selbst bei 40 Grad Windwinkel nur für 2-3 Kn SOG. Die letzten 3 Seemeilen nehmen wir den Motor dazu. Gut so, denn die Einfahrt zur Bucht ist tricky. Recht mittig in der Einfahrt ragt ein winziger Felsen aus der Wasseroberfläche, der nicht in allen Seekarten aufscheint. Bei mehr Wind und Welle würde man den Felsen vermutlich gar nicht sehen. Wir halten uns daher sehr westlich, fahren in die Bucht ein, werfen den Anker und genießen einen chilligen Nachmittag mit Unterwasserschiffputzen und „Planungen“ für die nächste Etappe. Das Abendprogramm ist auch schon fix. 50 m vom Strand entfernt ist eine Taverne. Unsere Putzaufgaben (und die Überwindung im kalten Wasser den Rumpf zu reinigen) sollen ja belohnt werden. Nach und nach mehren sich aber die Anzeichen, dass die Taverne nicht in Betrieb ist. Geh, wie schade. Um 19 Uhr erwägen wir dann, Anker auf zu gehen und die nächste Bucht aufzusuchen, wo es eine offene Taverne geben soll. Der Gedanken wird wieder verworfen, es beginnt zu regnen.
5 Uhr Tagwache. 5:30 Uhr Ankerauf. Wir müssen so früh raus. Laut den diversen Wettervorhersagen gibt es bis 11 Uhr Wind mit 10 Kn aus Nordost, dann eine breite Flaute von 2 Stunden, und schließlich starker Wind aus Nordwest mit Böen bis 25 Kn. Unser Ziel: Die Insel Donousa – 40 Seemeilen entfernt. Mit 10 Kn Wind aus Nordost können wir nur max. 4 Seemeilen Strecke pro Stunde einplanen. Dazu die angesagt Flaute. 40 Seemeilen sind realistisch.
Die üblichen 4 Schichten Gewand werden um eine weitere Hosenschicht ergänzt. Das heißt, Schwerwetterhose und Schwerwetterjacke, Haube, Handschuhe. Es ist kalt, bedeckt und nieselt gelegentlich.
Patmos liegt keine 2 Seemeilen hinter uns, da setzt der Wind schon ein. 10 kn? Nein, es weht ein konstanter Wind von 18 Kn mit gelegentlichen Böen bis 23 Knoten. Wir segeln ungerefft mit bis zu 8 Kn SOG.

Die Wellenhöhe steigt ein wenig, vielleicht 1,5 Meter. Aber nicht ungut. Wir richten den Kurs so ein, dass wir recht angenehm dahin gleiten können. Wir kommen sehr gut voran. Viel schneller als gedacht. Der Wind wird immer östlicher und nimmt gegen 11 Uhr langsam ab.
Um 11:30 Uhr trennen uns nur noch wenige Seemeilen von Donousa. Das war nicht geplant. Jetzt hier stoppen? Nein. Lassen wir die Insel steuerbord (lee) oder backbord (luv) liegen? Steuerbord bei dem abnehmenden Wind und den Wellen hieße „platt vor dem (ohne) Wind“. Backbord hieße: eine Chance auf etwas Wind und eine gute Ausgangsposition für die Strecke nach der Insel.
Wir entscheiden uns für Backbord, bereuen die Entscheidung unterwegs (aber wäre die andere besser gewesen?) und sind am Schluss wieder zufrieden.
Genau bei der Passage der Insel lässt der Wind dann nach. 5 Knoten aus irgendwo, 1,5 bis 2 m hohe Wellen. Der Baum schlägt, die Genuaschoten schlagen. Es ist nicht auszuhalten. Wir steuern von Hand. Ich sitze bei der Großschot und hole an bei Wellen und fiere wieder auf. Streckenweise halte ich den Großbaum, damit das Schlagen ein Ende hat. Genua weg. Großsegel niedergezurrt. Der Motor muss her. 6 Seemeilen, die sich wie im Schleudergang einer Waschmaschine anfühlen.
Kaum haben wir die Insel passiert, sind die Wellen wie von Zauberhand weg. Der Wind hat nun gedreht, weht aus Norden und nimmt sofort an Stärke zu. Da sind sie wieder die 18-20 Knoten. Wir segeln raumschot. Aber wohin eigentlich? Die nächsten Tage ist viel Wind angesagt. Naxos, die nächste große Insel, ist bekannt für Fallböen. Ungefähr genau so weit entfernt ist Koufonisia. Eine Insel, flach wie eine Palatschinke, also nicht so fallböenanfällig. 30 Grad abfallen und neuer Kurs „Koufonisia“. Keine 15 Seemeilen entfernt, einen Delphin-Sprung entfernt sozusagen.
Begleitet von 2 Delphinen segeln wir die letzten Seemeilen. Die beiden tauchen ständig unter dem Boot durch. Ich würde ihnen ja gerne zuschauen, aber die Böen vor der Einfahrt zur Bucht lassen das nicht zu.
Um 16:15 fällt der Anker in der großen Bucht vor Koufonisia.
60 Seemeilen später.


































