Am Abend im griechischen Schweizerhaus plaudern wir noch kurz mit den beiden Crews am Nachbartisch. Die einen kommen gerade aus den windigen Kykladen und wollen in den Osten, die anderen nach Astipalea. Und wir? Wir wollen nach Koufonisia. Das sind aber 15-20 Knoten Nordwind, erhalten wir als Antwort.
Wir starten zeitig. Nur die Schweizer Yacht, die mit uns gestern angekommen ist, läuft 20 Minuten vor uns aus. Auch Richtung Westen.
Die ersten drei Stunden verlaufen ganz angenehm (na ja, im Wissen, was noch kommt, ist das angenehm). Die Welle kommt aus Nordosten, der Wind mit 15 Knoten auch. Ein paar Böen mischen sich darunter. Wir starten im zweiten Reff, dann erstes Reff und reffen sogar zu Gänze aus, als wir noch ein gutes Stück von Amorgos entfernt sind.
Die Schweizer – zu unserer Überraschung – fahren einen anderen Kurs. Während wir die kleine Insel Kinaros an Backbord liegen lassen, fieren die Schweizer kurz vor der Nordspitze der kleinen Insel die Segel und fahren entlang der kleinen Insel in den Süden. Wir versuchen die Höhe zu halten, um mit einigem Abstand an Amorgos vorbei zu segeln. Die Wellen in der Nähe der schroffen Felswände von Nord-Amorgos sind noch unangenehmer als auf See. Nicht so die Schweizer. Sie segeln fast parallel zu den Felswänden. Bald haben sie den Vorsprung eingebüßt. Auf der Höhe der einzigen Ankerbucht im Norden von Amorgos verlieren wir sie aus den Augen.
Mittlerweile ist es aus mit „angenehm“. Auf der Höhe von Amorgos hat der Wind gedreht und kommt nun aus Norden, gelegentlich auch aus NNW. Und von 15 Knoten kann keine Rede mehr sein. Es sind 22-25 Knoten wahrer Wind. Die Wellen sind 2-3 Meter hoch und kommen praktisch sowohl von NW als auch von NO.
Wir segeln schon längst das Großsegel im zweiten Reff, denn setzen wir das dritte Reff (und sehr gefiert). Das Reffen bei viel Wind funktioniert ja deutlich besser als bei wenig Wind. Wenigstens irgend etwas positives.
Dietmar steuert von Hand – in Summe fast 5 Stunden lang (eine knappe halbe Stunde übernehme ich). Geht gar nicht anders. Wir haben zwar die Schwerwetterjacken an, aber nicht die Hosen. Großer Fehler. Dietmar wird zwei Mal zur Gänze geduscht. Das ist auch alles andere als angenehm. Es ist zwar sonnig, aber durch den Wind wirklich kalt. Die blaue Jogginghose klebt am Körper.
Wir müssen die Genua reffen. Das ist viel schwieriger als das Großsegel zu bändigen. Wir müssen anluven, dann beiden Schoten langsam fieren, und ich muss die Reffleine kurbeln. Jedes Mal vermankeln sich die Genuaschoten. Dieses Mal ist es noch mühsamer: Dietmat steuert mit einer Hand und versucht mit der anderen , die Genuschoten langsam zu lockern. Die Schoten schlagen an Deck, reißen an den Travellern. Die Geräusche sind fürchterlich. Ich mühe mich mit der Winchkurbel ab, bei so viel Seegang findet man mit den Beinen kaum Halt. Kein Wunder, dass ich jedes Mal so viele blaue Flecken davon trage. Wir reffen so viel Genua weg, dass das Unterliek auf 1,20m verkürzt ist. Das reicht und liefert einen wertvollen Beitrag.
Es trennen uns keine 10 Seemeilen mehr von Koufonisia. Uns hat die volle Naxos-Düse erwischt. 27-28 Knoten wahren Wind sehe ich auf der Windanzeige, als ich steuere, 60-80 Grad scheinbarer Wind, das sind sicher über 30 Knoten scheinbarer Wind. Dietmar ist unter Deck, um trockenes Gewand anzuziehen, und kommt mit der nächsten Nachricht: das Babystag ist nicht mehr fest. Über der Salonbank ist alles nass. Genau so wie mittlerweile ich. Ich werde auch zwei Mal geduscht.
Haben wir einen Plan B, wenn wir die Höhe nicht halten können, um an der Insel Keros vorbeizukommen. Ja, Segel fieren, im Osten an Keros vorbei und Schoinoussa ( + 15 Meilen Minimum). Eine Option, aber keine erstrebenswerte.
Wir halten die Höhe. Das Steuern von Hand ist ein Kraftakt. Ständig Gegenruder legen, weil wir mit jeder Böe anluven. Immer wieder die Gischt aus dem Ges
Koufonisia schaffen wir nicht. Wir steuern Kato-Koufinisia an. Endlich sind wir im Kanal. Der Wind ist noch genau so stark, aber die Wellen sind praktisch weg. Die letzten 2 Seemeilen unter Motor, dann fällt der Anker auf 4 Meter Tiefe in der Detis Bay. Hier ist es absolut ruhig. Fast kein Wind, keine Welle. Die beiden anderen Boote vor Anker schauen uns verwundet an, als wir Stück für Stück die vier Lagen Schwerwettergewand ausziehen und auf der Reeling zum Trocknen aufhängen. Hier hat es keine 6 Knoten Wind.
Wir sind geschafft, gönnen uns zwei Bier, eine ganze Packung Chips und einen letzten Blick auf die Windanzeige. Maximum: 34 Knoten wahrer Wind, 36 Knoten scheinbarer Wind. Ja, so hat es sich auch angefühlt.

















