Von nun an planen wir unsere Segeletappen samt Ankerplatz/Stadtkai nur noch nach den Windböen.
Loutro, ein begehrtes Fotomotiv in Reiseführern, weil nur mit dem Boot erreichbar, beschert uns ein einfaches Hinkommen samt windstiller Nacht.


Der Stadtkai von Agia Galini am nächsten Tag ist der beste Kompromiss, denn den ganzen Nachmittag und Abend begleiten uns heftigste Böen und in der Umgebung ist kein geeigneter Ankerplatz zu finden. Die Starship liegt mit 9 Fendern abgefedert am Stadtkai. Wir blasen sogar noch die neuen Reservekugelfender auf. Insgesamt halten 5 Kugelfender und 4 normale Fender die Starship vom Kai weg. In der Früh haben sich die Böen noch immer nicht gelegt. Das Ablegemanöver mit Eindampfen in die Achterspring ist ein Nervenkitzel und dauert wegen der insgesamt 5 Versuche über 30 Minuten.

Nur 20 Seemeilen entfernt ist unser nächster Ankerplatz, das Fischerdorf Lendas – wieder eine böenfreie Zone (zumindest in der Nacht begleitet uns nur ein regelmäßiger ablandiger Wind mit 10 Knoten).

Und dann steht uns die große Etappe bevor. Lendas – Ierapetra: 40 Seemeilen und unweigerlich durch eine starke Böenzone.
Die Böenzone kündigt sich schon von weitem an . Die Gischt ist eine gute Meile vorher zusehen. Die Wasseroberfläche ist deutlich dunkler. Die Schaumkronen der Wellen sind unübersehbar.

Gerade noch sind wir mit ständigen Winddrehern beschäftigt, da ist die Böenwalze schon da. In Null komma nichts heißt es nicht 6 Knoten Wind von irgendwo her, sondern 25 Knoten wahrer Wind im Einfallswinkeln 70 Grad.
In Windeseile werfen wir alle Sitzpölster in den Salon, ziehen die Schwimmwesten an und nehmen noch etwas von der ohnehin schon gerefften Genua weg. Das Großsegel hatten wir mangels Wind gar nicht gesetzt.
Der Windanzeiger klettert weiter. 30 Knoten, 35 Knoten.
Nochmals reffen wir die Genua auf praktisch Taschentuch-Größe.
Die Wellenhöhe hält sich mit 1,5 m in Grenzen, die Abstände sind aber so kurz, dass wir 5 Mal durch eine seitliche Welle zur Gänze geduscht werden.
Unaufhörlich ziehen die Böen über uns hinweg.
Dann wird es noch lauter. 40,6 Knoten wahrer Wind, 43,5 Knoten scheinbarer Wind.

Das ist unser „All time high“ seit wir im Mittelmeer segeln. Selbst der Druck der geringen Genuagröße auf den Mast ist so groß, dass die leeseitige Innenwant locker mitschwingt.
3 lange Stunden dauert der Spuk, dann wird er Wind raumer und nimmt ab. An Wind- und Wellenrichtung erkennen wir gut, dass wir am Ausläuferrand segeln. Dann ist der Wind weg.
Wir motoren ein kurzes Stück, ich nutze die Zeit um das Cockpit vom vielen Salz zu befreien, eine angenehme Brise mit 10 Knoten setzt ein, wir setzen das Großsegel und die Genua und segeln traumhaft mit 7,7 Knoten dahin. Bilderbuchsegeln.
Es sind nur noch 6 Seemeilen bis Ierapetra. Das Ziel ist so nahe. Wir überlegen schon, wo wie das „All time high“ feiern werden. Der Wind lässt nach. Fast gleichzeitig blicken Dietmar und ich auf den Horizont, sehen die weißen Schaumkronen auf dunklem Hintergrund. „SEGEL RUNTER“.
Wir holen das Großsegel ein und reffen die Genua auf Taschentuchforma, werfen die Sitzpölster in den Salon, schlüpfen in die Schwimmwesten und los geht es wieder. Aufkreuzen gegen Böenwalzen mit 30 Knoten um zum Ankerplatz zu kommen.
Der Anker fällt in der großen Bucht von Ierapetra, die Böen bleiben, aussichtslos das Boot zu verlassen. Schade um die „All time High“ – Feier.
