Dietmar feiert einen sehr runden Geburtstag. An Board – wo sonst! Denn der Wind verhindert ein an Land gehen.
Er hat sich ein Highlight zum Geburtstag gewünscht.
Kann er haben:
Zwei Tage liegen wir zusätzlich vor Anker, um auf den günstigen Moment zu warten, damit ich Dietmar in die Mastspitze ziehen kann. Sonntag und Montag brechen wir unsere Versuche bei der ersten Saling ab. Vor Anker schwojt das Boot, jede kleinste seitliche Welle bringt das Boot zum Hin- und Herwackeln und jede Böe ab 15 Knoten ist auf 17m Höhe schrecklich – geschweige denn – einfach gefährlich.
Dann endlich – am Dienstag Nachmittag beruhigt sich der Wind. Nur 10-12 Kn. Sofort zieht Dietmar den Harness an, an dem wir die Sicherungsleine (Spinnakerfall) festmachen. Er schlüpft in den Seemannsstuhl, den wir am Großfall festmachen. In einem Sack führt er eine Schere und Gafferband mit.
Mit der Elektrowinch ziehe ich ihn in den Mast. Bis zur zweiten Saling ist alles gut, dann nimmt der Wind wieder zu. 15-17 Kn Böen. Dietmar hält sich am Mast und den Wanten fest.
Die letzten Meter sind die Härtesten. Endlich ist er oben. Die Funkantennenaufhängung kann er nicht reparieren, einzige Lösung: mit Gafferband an das Achterstag fixieren. Da klingt einfach, ist aber auf 17 m Höhe mit 15-17 Knoten Wind gar nicht einfach. Denn mit nur einer freien Hand entwickelt das Gafferband ein Eigenleben. 3 Versuche braucht es, dann ist die Antenne fixiert.
Am hinteren Ende des Drogue werden eine Leine befestigt, mit dem man den Drogue schnell einholen kann, und ein großer (vormals oranger) Kugelfender, der verhindert, dass der Drogue unter den Rumpf sinken kann.
Auf den langen, kreuzweisen Leinen, am Vorderteil des Drogue wird eine dicke Leine befestigt, die zu den beiden achterlichen Klampen geführt wird.
Nach einigen Tests führen wir den Drogue so nahe am Spiegel der Starship, dass die Leinen des Drogues nie in die Nähe des Ruders kommen können, aber der Drogue genug Platz hat, um sich regelmäßig zur Gänze mit Wasser zu füllen.
Und nach weiteren Anpassungen führen wir den Drogue mehr auf der Backbordseite. Das heißt, er ist nicht mittig angebracht, sondern rund 40 cm mehr auf Backbord. Zusätzlich führen wir die seitlichen Leinen über Fender, damit die frisch polierte Starship nicht schmutzig wird.
Das ist sie nun. Die Zielkonfiguration.
Die Auswirkungen sind enorm. Kein Tänzeln mehr am Ankerplatz, sondern ein ruhiges Hin- und Herziehen.
Kein Wind. Oder vielmehr die Ruhe vor dem Sturm. Unter Motor schaffen wir die Strecke Ios – Paros. Unser Ziel ist Aliki, ein sehr netter Ort mit großer Sandbucht im Süden von Paros. Wir brauchen ein „sicheres“ Plätzchen, um die nächsten Tage vor Anker den Meltemi abzuwettern.
(TAG 1 vor Anker): Wir nutzen den Mittwoch, um das Boot sturmfest zu machen. 40 Meter Ankerkette auf 6 Meter Tiefe. Die Ankerkralle wird um einen dicken Fender gerollt, um das Rucken zu dämpfen. Das Ankersegel wird gesetzt. Alles wird nochmals verzurrt, das große Dinghi fester angebunden, die „Vorhänge“ vor der Sprayhood weggerollt. Vorräte werden aufgestockt. So halten wir locker durch bis Samstag. Die Nacht ist noch relativ ruhig und wegen des Windes angenehm kühl.
(TAG 2 vor Anker): Erst gegen 9:00 am Donnerstag starten die Windböen.
Wir liegen nicht alleine in der Bucht. Außer uns haben sich 19 andere Segel- und Motorboote für diesen Platz entschieden. Alle kontrollieren regelmäßig, ob der Anker hält. Die große italienische Yacht an Steuerbord fährt kurz darauf ein hektisches Manöver. Anker auf und 5 Minuten später wird wieder geankert. Da hat der Anker wohl den ersten Böen nicht standgehalten.
11:00. Wir sind bei 37 Kn. 11:30 neuer Höchststand 39 Kn. 16:00 Tageshöchstwert 45,6 Kn. Wir rollen das Bimini weg. Noch weniger Widerstand. Trotzdem tanzt die Starship in den Böen (oder seemänisch gesprochen: schwojt von Steuerbord zu Backbord und zurück.)
Wider Erwarten nimmt der Wind in der Nacht ab. Nur 20-25 Knoten. Welche Erleichterung. Wir schlafen abwechselnd im Cockpit.
(TAG 3 vor Anker): Der ganze Tag verläuft relativ ruhig. Mit der Zeit gewöhnt man sich und erachtet schon 20 Knoten als ruhig. Maximal 30 Kn, einmal zeigt der Windanzeiger 40 Kn. Gefühlt „ruhig“. Das einzige, was wirklich nervt, ist das Schwojen.
Wir überlegen, was wir dagegen tun können. Selbstversuch Nr. 1:
Wir kramen den Drogue-Anker aus der Backskiste.
Den würde man üblicherweise verwenden, um bei schlimmen Bedingungen auf hoher See das Boot jeweils im Wind zu halten (je nachdem, am Bug oder am Heck ausgebracht). Wir bringen jeweils 15 Meter Leine an, befestigen eine Boje am Drogue und bringen ihn aus. Schlagartig nimmt das Schwojen ab. Der Drogue fängt sich mit Wasser und stoppt die Bewegung des Bootes. Zu schön, um wahr zu sein. Vielleicht unser Fehler, dass wir nicht gleich die gesamten 15 m Leine geben, aber der Drogue bzw die Leinen laufen Gefahr, unters Ruder zum kommen. Der Versuch wird abgebrochen. Idee gut, Umsetzung nicht. Das braucht bei Gelegenheit einen Selbstversuch Nr. 2.
Wir nähen 6 Stunden lang bis 20:30 an unserer neuen Relingsbespannung. Den Stoff zugeschnitten haben wir noch in Sizilien im Jahr 2023, sind aber in den letzten drei Jahren nie dazu gekommen, die Bahnen zu vernähen.
Uns motiviert, dass wir auf einen ruhigen Abend hoffen, und überlegen sogar, zum Abendessen mit dem Dinghi in den Ort zu fahren. 20 Kn Wind würden uns nicht abhalten.
Aber kaum ist die Sonne weg, nimmt der Wind zu. Die ganze Nacht über eine Böenwalze nach der anderen (40 kn). Wir schlafen beide im Cockpit, mehr schlecht als recht. So wie wir es aus Kalymnos kannten, ist der Wind in dieser Nacht zusätzlich richtig warm.
(TAG 4 vor Anker): Unverändert viel Wind. Das rote Dinghi reißt sich an einer Seite los. So ein Glück, dass ich gerade die Nachbarboote scanne und das Problem frühzeitig sehe.
Aber das ist nicht das einzige Problem. Obwohl wir die dicke, fette Trosse der Ankerkralle mehrfach gegen Pendeln absichern, schaffen es die Böen immer wieder, dass sich diese Trosse am Ankerbeschlag von links nach rechts bewegt. Der Ankerbeschlag mittlerweile auch, es sind nur wenige Millimeter, aber das ist schon zu viel. Mit Inbusschlüssel, Schraubenschlüssel und Franzosen bewaffnet, hocken wir zu zweit (fast übereinander) auf den wenigen cm2 am Bug. Dietmar schraubt im Ankerkasten, ich halte mit dem Inbusschlüssel am Ankerbeschlag dagegen. Das alles bei 40 Knoten Wind und einer wild tanzenden Starship.
Gegen Abend nimmt der Wind wieder etwas ab. 20 Kn im Schnitt. Wir gönnen uns wieder ein Abendessen im Ort. Der Weg dahin im Minidinghi sorgt für nasse Hosen. Der Rest bleibt trocken, schließlich sitzen wir im Hochsommer im Schwerwettergewand im Dinghi.
(TAG 5 vor Anker): Sonntag. das Schlimmste ist vorbei. Wir wollen Ankerauf gehen und richten alles fürs Segelsetzen her. Schaden Nr 1. wird entdeckt. Der Lazybag ist an der Oberseite an einigen Stellen zerrissen. Den Anker herauszuholen ist Schwerstarbeit. Er ist so tief vergraben, dass wir ihn mit der Kraft der Starship herausziehen müssen. Das heißt: Kette kurzstag, über den Anker fahren und den Anker herausdrehen. Nachträglich ein gutes Gefühl, dass sich der Anker so gut hineingegraben hat.
Nicht viel weniger Wind, wir sind vielleicht 2 Seemeilen entfernt, da entdecken wir Schaden Nr. 2. Der Wind hat die Funkantenne an der Mastspitze aus der Verankerung gerissen. Kehrtwende und zurück an den Ankerplatz.
Wir versuchen Dietmar zur Mastspitze hoch zu ziehen, aber mittlerweile weht es wieder zu stark. Wir vertagen den Versuch auf morgen. Der Nachmittag und der Abend verlaufen fast schon wie gewohnt. 40 Knoten Wind. Kein Tavernenbesuch, sondern einigeln.
Fazit: Meltemi mit Schäden abgewettert, aber immer noch am Ankerplatz.
Ankunft am Freitag, Bootserledigungen (reinigen, Wäsche waschen, tanken, einkaufen, Kleinigkeiten ausbessern) am Samstag, Fahrt in die Krios Bay am Sonntag.
Montag früh um 5:25 im Morgengrauen heißt es „Anker auf“. Wie immer, haben wir noch keinen Plan, wohin wir genau segeln werden (können). Das entscheidet sich erst, wenn wir die ersten Seemeilen geschafft haben (mind. 5 Seemeilen entfernt von der kretischen Küste). Uns erwarten großartige Bedingungen. 13 Knoten Westwind und eine geringe Welle. Damit müssen wir nicht Astypalea ansteuern, sondern nehmen direkt Kurs auf Koufonisia, eine kleine Insel südöstlich von Naxos. 98 Seemeilen sind das.
Genau 5 Stunden später haben wir das erste Drittel geschafft, um 13:30 ist Halbzeit. Santorini liegt an Backbord, Anafi an Steuerbord.
2 Stunden später schläft der Wind ein. Vorhersagegemäß. Also, wie üblich. Ein „Change of plan“.
Neues Ziel: die uns schon so bekannte Südbucht von Ios. Nur 5 bis 6 Knoten wahrer Wind, aber wir versuchen, so lange wie möglich ohne Motor auszukommen. Die letzten 6 Seemeilen gehen dann nicht mehr ohne Maschine.
Um 19:30 fällt der Anker in einer sehr leeren Bucht. Außer uns liegt noch eine Superyacht und ein großer Kat vor Anker. Wann immer wir bisher in Ios waren, mussten wir erst einen Ankerplatz suchen, so viele Boote lagen hier. Eigenartig. Genauso eigenartig wie der Umstand, dass wir auf der Strecke Kreta- Ios kein einziges Segelboot gesehen haben.
Trotzdem: 15 Stunden bis Ios. Großartig. Denn bisher haben wir zumeist mehr als 1 Woche über die „Ostrunde“ (wie zb Astypalea, Leros und Patmos) gebraucht, um so weit in den Westen zu kommen.