sy starship

nothing's gonna stop us now

2024 – Mayday, Mayday, Mayday

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August 2024:

„Mayday, Mayday, Mayday!“

Dass ich das einmal durch den Funk sprechen würde. Aber der Reihe nach:

Traude und Kristine begleiten uns die ersten 10 Tage beim Sommertörn. Wir starten mit einem lauschigen Abend im „Lieblings-Lokal“ in Agios Nikolaus, genießen einen Badetag in der Krios Bay, erleben eine stürmische Nacht in der geschützten Bucht in Spinalonga und wollen als ersten Schlag mit achterlichem Wind die 20 Seemeilen nach Sitia zurücklegen.

20 – 25 Knoten achterlicher Wind und Wellen von 1-2 m sind gelegentlich nervig, aber kein Problem, vor allem, wenn man das Großsegel im dritten Reff fährt und kaum Genua nutzt. Wir segeln problemlos bis kurz vor Sitia. Wir reffen die Genua weg, um das letzte Stück nur noch mit dem Großsegel zu bewältigen.

Eine Q-Wende ist notwendig, um auf den Backboardbug zu kommen. Halsen bei 20-25 Knoten Wind und einer mittlerweile kabeligen (2-3m hohen) See wäre unklug. Die Wende bedeutet, ein kurzes Stück gegenan zu fahren. Ich stehe bei der Großschot, um in der Wende den Großbaum mit der Großschot anzuholen und dann wieder zu fieren. Kristine bei Dietmar neben dem Steuerstand. Die Wende misslingt mittendrin. Dietmar schreit: „Wir haben kein Ruder mehr!“ Das Steuerrad dreht sich durch. Wir schauen Dietmar im ersten Moment alle ungläubig an. Ohne Vorzeichen, ohne irgendwas, auf einmal ist die Starship nicht mehr steuerbar. 2 sm trennen uns von den leeseitigen Steilküsten, auf die wir wegen Wind und Welle unweigerlich zusteuern.

Gerade noch sind wir entspannt dahin gesegelt, jetzt sind wir im Krisenmodus. „Segel runter“, schreit Dietmar. Ich löse das Großfall und stehe schon beim Mast. Das schwere Segel herunter zu bekommen, wenn man nicht im Wind steht, geht kaum. Dietmar hilft, schreit um Seile, um das Segel Stück für Stück festzuzurren. Der Motor läuft schon. Aber die Starship dreht sich wie ein Kreisel im tiefen Wellengang. „Setz ein Mayday ab!“ Ich stehe am Funk, „Mayday, Mayday, Mayday, this is SY STARSHIP“! Es meldet sich irgendeine Stimme, die mich schlecht versteht, genau so wenig, wie ich sie. Dazwischen dreht sich die Starship munter im Kreis, Welle rauf, Welle runter. Ich soll meine Handynummer nennen, sie melden sich per Telefon. Traude sitzt im Cockpit, ist total ruhig und bewacht das Telefon. Es meldet sich niemand. Die Starship dreht den 20-ten Kreis. Dietmar ist noch immer damit beschäftigt, das Segel zu bändigen. Kristine und ich schauen uns an: warum dreht sich die Starship. Doch nur mit Ruder. Dann haben wir ein Ruder, aber die Übersetzung Steuer zu Ruder geht wohl nicht. Alle Fender aus der Backskiste. Ich tauche mit dem Kopf in die steuerboardseitige Backskiste, sehe aber nichts. Jedenfalls keinen Wassereintritt und auch keinen Riss in den Stahlseilen.

Unser Notruder! Kristine hilft mir, die andere Backskiste auszuräumen. Leinen raus, Besen raus, Bord raus. Die Starship ist bei der 30-ten Pirouette. Das Cockpit ist vollgeräumt mit Fendern, Seilen, dazwischen sitzt Traude. Das Notruder ist an der Innenseite der Backskistenwand befestigt. Ich tauche wieder kopfüber hinunter, um das Notruder aus der Verankerung zu ziehen. Irgendwie schaffen wir es, das Notruder herauszuziehen. Wir stecken es fest. Für mich ist es zu schwer, das Ruder zu betätigen.

Dietmar ist mit dem Segelreffen fertig. Das Großsegel ist mit Seilen heruntergebunden. Ein paar Mastrutscher und Segelschäkel werden dabei geopfert.

Endlich eine Stimme am Telefon. Ob wir das Schiff aufgeben wollen, wie viele Leute an Board sind, was überhaupt das Problem ist. Und außerdem ist der Seegang zu schwer, um ein Boor zur Hilfe hinauszuschicken,. Beim ersten und zweiten Mal erzähle ich noch geduldig, beim dritten Mal reißt mir die Geduld. Ich habe jetzt keine Zeit, irgendwas zu erzählen. Ich muss mich um das Schiff kümmern.

Dietmar kann das Boot mit dem Notruder unter Kontrolle bringen. Wir schaffen es unter Motor bis zum Kap. Dort wird es schlagartig ruhiger. Ich informiere über Funk, dass wir keine Hilfe mehr brauchen. Wind und Welle sind gefühlt vorbei. Noch eine halbe Seemeile und wir werfen den Anker vor Sitia. Ankerkralle setzen, Motor aus. Wir sind erleichtert, vor Anker zu liegen. 2 Minuten durchschnaufen im Cockpit, ein Glas Wasser trinken, die Schwimmweste ausziehen.

Problemsuche starten wir sofort. Die Backskisten sind ohnehin schon ausgeräumt. Beide klettern wir in die Backskisten. Ruder und Stahlseile sehen vollkommen in Ordnung aus. Ich ziehe an den Stahlseilen. Dietmar ruft in die Backskiste: „Das Backboardsteuerrad dreht mit!“. Tatsächlich – also hat nur das Steuerboardsteuer etwas. Während wir hoch erfreut sind, das Problem lokalisiert zu haben, kommt ein Fischerboot mit Polizeibesatzung vorbei und will uns zum Stadtkai abschleppen. Das ist nicht notwendig. Wir können die Starship ja mit dem Backboardruder steuern..

Die Polizei macht kurzen Prozess. Das Boot ist defacto beschlagnahmt, bis wir den Nachweis über einen Sachverständigen erbringen können, dass das Boot wieder einwandfrei funktioniert. Die Botschaften werden informiert. Die Adresse einer Gutachterin erhalten wir zusätzlich.

Das Steuerrad ist schnell repariert – dauert 5 Minuten. Kleiner Fehler – große Wirkung. Dass wir einfach gleich auf die Backboardseite wechseln oder den Autopiloten einschalten, daran haben wir gar keinen Gedanken verloren. Naheliegender war leider, anzunehmen, dass tatsächlich die Steuerseile gerissen sind und das Ruder feststeckt.

Auf die Gutachterin warten wir einen Tag, auf ihr Gutachten einen weiteren halben Tag. Zeit, die wir in Sitia gut nützen können. Dienstag zu Mittag haben wir das Gutachten und kurz darauf die Freigabe der Hafenpolizei. Am Dienstag Nachmittag, also genau 48 Stunden nach Mayday, geht die Reise weiter.

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