Der Sonntag beschert uns Aprilwetter im Mai. Nieselregen und Sonnenschein, Windböen und Windstille wechseln sich regelmäßig ab, und es ist einfach kalt. Wir bleiben vor Anker in Astypalaia. Nicht nur des Wetters wegen, auch der gestrige Tavernenbesuch hängt uns noch nach. Wie zwei Verhungernde sind wir über die drei großen Teller griechischer Köstlichkeiten hergefallen, die uns die nette Wirtin gebracht. Alles, sogar das gesamte Brot haben wir verputzt. Nach Tagen der „eiserenen Reserve“ waren wir auf die Völlerei nicht vorbereitet.
Dafür starten wir am Montag ausgeruht und zeitig, kurz nach 5:00 Uhr in der Früh.
Unser Ziel: die Insel Amorgos, nördwestlich von Astyplaia. Wir müssen hoch am Wind fahren, um die Insel zu erreichen. Gleich nach dem Kap luven wir an und schaffen gute Höhe. 12-14 Knoten Wind, vorhersagegemäß nimmt der Wind etwas ab und legt dann wieder zu.
Es trennen uns gerade einmal 6 Seemeilen bis zur Spitze von Amorgos, da müssen wir uns eingestehen, dass wir bei diesen Bedingungen die Insel nicht erreichen werden. Mittlerweile haben wir 20-22 Kn gegenan, segeln im dritten Reff und der Wind (möglichweise durch die Insel beeinflusst) kommt viel westlicher. Auch wenn durch die vorgelagerte Insel die Wellenhöhe abnimmt, die Insel selbst bietet wieder jede Menge Fallböen und somit mehr als 20-22 kn gegenan.
Wohin also? Irgendwie irren wir zwischen den Inseln umher.
Zurück ist eine Option, aber besser ist die nächste erreichbare Insel: Ios – 20 Seemeilen entfernt, 28 Seemeilen bis zu Südspitze, die für die heutige windstarke Nacht eine akzeptable Ankerbucht bietet. Genaugenommen, die einzige Ankerbucht. Ich schätze 5 Stunden bis zur Ankunft, aber revidiere meine Schätzung bald. Wir erreichen durchgehend 6,5 kn SOG, oft auch 7,0.
Wir umrunden das Kap, vor uns liegt eine der schönsten Sandbuchten der griechischen Inseln. 6 Jachten ankern bereits, wir legen uns mitten ins Ankerfeld mit 50 m Kette auf 7 m Tiefe. Viel Platz um uns herum.
Der einzige Nachteil dieser wunderschönen Bucht ist, dass sie besonders anfällig auf Fallböen ist. Unseren Plan, zum Abendessen in die örtliche Taverne zu fahren, geben wir bald auf. Das große und schwere Dinghi mit dem Spinnakerfall von Vordeck ins Wasser zu hieven, ist schon bei wenig Wind herausfordernd. Beim Abendessen im Salon steigt der Wind auf 28 Knoten. Zu Sicherheit (eigentlich zur Schonung der Ankerwinsch) führen wir einen Metallstift durch die Ankerkette und das Ankergeschirr, für den Fall, dass die Ankerkralle reißt.
Wir sind vom Segeltag super müde, wollen aber weiterhin die Entwicklung des Windes und die Stabilität der Ankerkralle beobachten. Wir nicken immer wieder im Salon ein. Um 23 Uhr sind die Böen bereits bei 36 Knoten angelangt. Mit jeder Böenwalze fliegt ein Düsenjet im Landeanflug über uns – das Geräusch ist fürchterlich laut. Die Ankerkralle hält, die Böen nehmen noch mehr zu. Wir kontrollieren nochmals um 0:45 und um 2 Uhr. Dann siegt die Müdigkeit. Und um ehrlich zu sein, schlafen wir die restliche Nacht total tief und wachen sehr erholt auf.