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2023 – Kretische Fallwinde

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Die letzte Etappe nach Kreta steht an. Methoni am ersten Finger des Peloponnes zur Nordwestspitze von Kreta. 115 Seemeilen. 20 Knoten achterlicher Wind; wir planen pessimistisch 20 Stunden über Nacht und starten pünktlich um 12:00 Uhr.

Nach anfänglichen Flautenzonen setzt dann der prognostizierte Wind ein, am Backboardbug schaffen wir nicht die erforderliche Höhe, der Steuerbordbug brächte uns zum dritten Finger des Peloponnes. Also Zielwechsel: nicht Nordwestspitze, sondern Südwestspitze (140 Seemeilen Entfernung). Der Wind nimmt zu. Wir segeln im 2ten Reff bei 22 Knoten Wind, mal 3 Knoten mehr, mal 3 Knoten weniger. Die Wellenhöhe beträgt gegen Mitternacht schon über drei Meter. Gefühlt jede siebente Welle ist noch ein Stückchen größer und versetzt dem Heck der Starship einen ordentlichen Schubser. Zum normalen Geschaukel zwischen Backboard- und Steuerboard kommt dann noch der Siebenerschubser gefolgt vom Schlagen der Backboardschoten, weil die Genua den Druck verliert. In so einem Moment ist man froh über jeden Knoten Wind mehr, weil sich die Genau schneller erholt.

Im Stundentakt passiert uns ein großer Tanker/Frachter/Kreuzfahrtschiff. Wenn uns einer zu nahe kommt, stehe ich schon an der Funke und mache auf „the small sailing vessel STARSHIP“ aufmerksam.  

Am frühen Morgen sind wir nah genug an Kreta und wechseln mit einer Q-Wende auf den Steuerbordbug. Kurs passt genau.

Am Kap geht es erst so richtig los. Zwar nimmt das Kap den Wellen die Höhe, dafür legt der Wind ordentlich zu. Bei 28 Knoten (halber Wind) holen wir die Genua zur Gänze ein. Bei 30 Knoten Wind setzen wir das dritte Reff. Bei 34 Knoten Wind schaue ich nicht mehr auf die Windanzeige. Dietmar steuert von Hand. Und ich danke Paolo dem Rigger fürs neue Rigg und die gute Reffleinenführung.

Nur noch 10 Seemeilen bis nach Palaiochora. Ein kleiner Ort mit einer Landzunge, hinter der wir auf Sand den Anker fallen lassen wollen. Erst als wir den Ort erreichen, lässt der Wind durch die Abdeckung etwas nach, und wir werfen den Anker (31 Meter Kette auf 6 Meter Tiefe), geschafft.

Den Ort haben wir ausgewählt, weil laut Windy am Abend der Wind einschläft, und wir mit dem Dinghi in den Ort fahren können.

Leider gefehlt. Geduscht und fertig, um das Dinghi herzurichten, warten wir, dass der Wind endlich einschläft. Gegen 21:00 wollen wir zur netten Taverne vis-a-vis vom Ankerplatz. Aber um 21:00 geht es erst so richtig los. Eine Böenwalze nach der anderen zieht über uns drüber. Die Ankerkette samt Ankerkralle sind im Dauerstress. Die gefürchteten kretischen Fallwinde haben uns erwischt. Der Lärm ist unglaublich, als ob alle 5 Minuten ein Helikopter in unmittelbarer Nähe landen würde. Und wenn man glaubt (und hofft), jetzt ist es vorbei, weil schon 5 Minuten Stille ist, dann kommt die nächste Böenwalze noch lauter und stärker. Ganz zu Beginn sind es 25-30 Knoten, später checke ich den Windanzeiger nicht mehr. Das einzige Gute ist, dass sich keine Welle aufbauen kann, und die Starship nur hin und her geweht wird, aber keine Auf- und Abbewegung des Buges entsteht.

Weggehen in den Ort ist damit gestrichen. Vielmehr setzen wir ein Ankersegeln, räumen alles vom Cockpit weg, was davonfliegen könnte, und besprechen wir, was wir tun, sollte die Ankerkralle reißen. An Schlaf ist leider nicht zu denken. Dietmar übernimmt die Ankerwache bis 3 Uhr früh, dann gehen die Böen zurück, weg sind sie aber erst in der Früh, als die Sonne aufgeht.  

Willkommen bei den kretischen Fallwinden!

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